Proficl@ss
Ausweg aus der Nummernkrise?
Schon manches visionäre Projekt scheiterte daran, dass man sich nicht auf eine gemeinsame Sprache einigen konnte. Aus diesem Grund ist ja auch der Turm zu Babel bis heute nicht fertiggestellt. Eine babylonische Sprachverwirrung hemmt auch ein anderes kühnes Projekt. Ist es schon nahezu unmöglich, die IT-Industrie zu kompatiblen Soft- und Hardwarestandards zu bewegen, gilt das erst recht, wenn es um den „einzig wahren Weg“ zur Materialklassifikation geht, der Voraussetzung funktionierender B2BGeschäfte. Für den VTH Grund genug, die Vertreter konkurrierender Systeme mit Vertretern des Technischen Handels und der Industrie an den „runden Tisch“ in Düsseldorf zu holen: Experten auf der Suche nach Antworten für den Markt von morgen.
B2B, Webshops, Internetmarktplätze, eCommerce, eProcurement, eBusiness – die Begriffe, die für den Markt von morgen stehen, sind im Technischen Handel nicht erst seit gestern geläufig. Aber daß man sicher wüßte, wie und wohin der Weg der Klassifikation geht, davon kann auch heute keine Rede sein. Die Erwartungen von Kundenseite sind hoch, die nötigen Investitionen in „Hardware“, „Software“ und „Manpower“ sind es auch, noch höher ist nur die Unsicherheit. Abwarten oder Vorpreschen? „Der Handel braucht auf alle Fälle mehr Planungssicherheit“, stellte VTH-Vorsitzender Joachim Stricker fest. „Unsere meist mittelständischen Unternehmen können es sich weder finanziell noch personell leisten zu experimentieren.“ Rüdiger Weber, Geschäftsführender Gesellschafter Mühlberger GmbH in Wiesbaden, sieht es illusionslos: „Wir stehen doch erst ganz am Anfang. Dabei hat der Handel in den letzten Jahren schon viel getan – die unzähligen Mannstunden oder besser Mannwochen, die wir als kleines Unternehmen investiert haben, sind wirtschaftlich gar nicht mehr zu messen, liegen aber mit Sicherheit im sechsstelligen Bereich. Wenn es heute gelänge, mit unseren Kollegen erst einmal die Begrifflichkeiten zu klären, wären wir schon weit gekommen. Aber wir können ja bei einem Teil unserer Industriepartner auf Lieferantenseite schon froh sein, wenn sie in der IT-Entwicklung erst einmal das Stadium des Wollens erreicht haben.“ So gibt es für eine systematische Klassifizierung, Voraussetzung für funktionierende B2B-Geschäfte ebenso wie funktionierenden Katalogdatenaus-tausch, bis heute keinen erkennbaren branchenübergreifenden Standard. „Wenn es um eine wirklich umsetzbare Materialklassifikation in bundesdeutschen Landen geht, haben wir statt ‚deutscher Ordnung‘“, so Moderator Louis Schnabl, „trotz enormer Bemühungen ganz unterschiedlicher Gruppen eine echte Nummernkrise?“ Eine Lösung für die Branche Fakt ist: Nachdem die beiden international orientierten Klassifizierungsstandards UNSPSC, vor allem in Übersee, und eCl@ss, vor allem in Europa etabliert, beim Technischen Handel nicht greifen, hatte der VTH mit anderen Handelskooperationen in Deutschland den Verein „proficl@ss International“ gegründet. Sein Zweck: die Erarbeitung und Einführung eines branchenüber-greifenden internationalen Datenmodells für sachliche Merkmale, um den elektronischen Austausch von strukturierten Produktkatalogdaten für den Produktionsverbindungshandel mit den Branchen Bauen, Haustechnik und Industriebedarf und verwandten Branchen zu standardisieren. Außerdem soll dieses Klassifikationsmodell fortlaufend weiterentwickelt und an die Erfordernisse des eBusiness angepaßt werden. Kurt Schranz, Vorsitzender des Vereins: „proficl@ss ordnet branchenübergreifend die Produkte in Klassen (wie Warengruppen) und beschreibt einzelne Merkmale eines Produktes. So wird ein einheitlicher unternehmensübergreifender Datenaustausch ermöglicht, die Produktsuche in elektronischen Medien wesentlich vereinfacht und ein Standard für Produktbe-schreibungen in elektronischen und Printmedien geschaffen.“
Eine Lösung für den Weltmarkt
„Wir haben keine Nummernkrise – es gibt mit eCl@ss längst ein anerkanntes Klassifikationssystem mit Zukunft, das von der Entwicklung bis zur Verschrottung eines Produkts den gesamten Lebenszyklus erfaßt. Vielleicht in einzelnen Fällen noch unzureichend, aber so angelegt, daß es nicht nur der europäische, sondern sogar der internationale Standard schlechthin werden kann“, betonte Dipl.-Ing. Thomas Einsporn, Leiter der eCl[@]ss-Geschäftsstelle e.V. im Institut der deutschen Wirtschaft Köln Consult GmbH. Dieses Institut versteht sich als unabhängige Plattform und zentrale Ansprechstelle für Materialklassifikation, die mit eCl@ss einen Standard für Materialgruppenmanagement und Online-Kataloge zur Verfügung stellt, der den Informationsaustausch zwischen beschaffendem und lieferndem Unternehmen erleichtert. Durch die numerische Klassenstruktur auf vier Ebenen, Schlagworte und Synonyme, Merkmalleisten und Werte, die diese Merkmale definieren, erlaubt eCl@ss eindeutige Zuordnungen. eCl@ss bildet damit die Beschaffungsmärkte für Einkäufer ab. Die Unterstützung durch führende deutsche Konzernunternehmen unterschiedlicher Branchen mit weltweiter Ausrichtung und die von vornherein vielsprachige Auslegung geben eCl@ss beste Chancen, sich eben nicht nur als europäischer Standard durchzusetzen. „Deshalb ist jede neue Klassifikation eine zuviel“, so Uwe Kaptein vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln Consult GmbH, der Vorstandsvorsitzende des eCl@ss e.V. „Wir können doch nicht so tun, als sei der Handel eine einsame Insel im Weltmarkt. Er ist eine Stufe, die von den anderen Stufen nicht abgetrennt werden darf. Deshalb hat eine spezifische Handels- und Branchenlösung naturgemäß wie alle Inseln ein Problem mit der ‚Verkehrsanbindung‘. Ein System nur für den deutschen Sprachraum ist gerade deshalb Unsinn und für den Handel auf lange Sicht absolut kontraproduktiv.“Obstkorb statt Zwetschgen
Was sich schnell durchsetzt, scheint derzeit noch eine Glaubensfrage. Wie beurteilen das die Zielgruppen der Klassifikationssysteme, ihre Anwender aus Handel und Industrie? Die Diskussion macht deutlich: Das zentrale Thema ist die Produktdaten-beschreibung, ohne die eine Nutzung für online-Kataloge nun einmal nicht denkbar ist. Karl-Heinz Bäuerle, Prokurist und Leiter Vertrieb/Marketing REIFF - Technische Produkte - GmbH in Reutlingen, sieht das ganz pragmatisch: „Was hilft die Internationalität eines Klassifizierungssystems, wenn der Kunde unsere Produkte damit nicht finden kann?“ „Der Handel kann mit eCl@ss, so wie dieses System sich heute darstellt, jedenfalls noch nicht leben“, stimmte ihm Dipl.-Informatiker Sven Kuhnen zu, Leiter EDV/Logistik und Prokurist der Schloemer GmbH in Recklinghausen. „Vier Klassifikationsstufen und eine Merkmalleiste reichen einfach nicht aus. eProcurement funktioniert nur mit einer eindeutigen Produktidentifikation, und die ermöglicht nur proficl@ss.“ VTH-Hauptgeschäftsführer Dr. Rolf Schäfer spitzte diese Aussage noch zu: „Wer bei eCl@ss Bühler Zwetschgen sucht, findet bestenfalls einen Obstkorb. Zumindest noch!“In einem Boot mit der Industrie
Das sieht man auch bei der Industrie so. Dipl.-Ing. Klaus Schluchter, Geschäftsführer des VTH TOP-PARTNERS KARASTO: „Unser Bestreben ist es, im eigenen Interesse und dem unserer Partner, in beide Richtungen etwas zu bewegen – wir verkaufen ja nicht nur, wir kaufen auch selbst ein. Nach ersten Erfahrungen haben wir von eCl@ss auf proficl@ss umgestellt. Andererseits haben große Abnehmerindustrien sich ebenso eindeutig für eCl@ss entschieden.“ Und der Handel sitzt wieder einmal zwischen den Stühlen. „Wir sind ja froh“, so Rüdiger Weber, daß es z.B. von Seiten unserer TOPPARTNER Unternehmen gibt, die etwas tun. Wichtig aber wäre ein koordinierteres Vorgehen.“ „Entscheidende Impulse dazu bekamen wir beim VTH TOP-PARTNER-Forum zum Thema eCommerce vor zwei Jahren“, so Gerd Katz, Prokurist und Verkaufsleiter des TOP-PARTNERS PHOENIX FLUID HANDLING INDUSTRY GMBH. „Wir haben aufgenommen, was der Technische Handel an Erwartungen an seine Partner hat, wo er Hilfe braucht, und haben es umgesetzt. Aber das ist ein langer Prozeß. Wir können noch nicht alles, was Sie sich vorstellen. Aber die Problematik haben wir erkannt und gehen sie an.“Einzelne Branchen oder mehr …
Daß man, was die Detailgenauigkeit der Spezifikation angeht, erst auf dem Weg und noch nicht am Ziel sei, räumte auch Thomas Einsporn ein. Aber die aktuelle Version 4.1 mit ihren mittlerweile 21 Sachgebieten, 344 Hauptgruppen, 2.384 Gruppen, 12.565 Untergruppen und fast 20.000 Schlagworten ist schon relativ weit. Dazu Uwe Kaptein: „proficl@ss ist doch eine reine ‚Katalogsoftware‘ für eine bzw. wenige Branchen. Wer sich aber heute nur mit einer nichtkompatiblen Branchensoftware befaßt, muß sich darüber im klaren sein, daß er viel Geld für wenig Zukunft ausgibt. Denn proficl@ss liegt kein übersetzbares Programm zugrunde, etwa Oracle, SAP und Microsoft.“ Andererseits ist offensichtlich: Handel und Industrie haben ein Problem, und dieses gilt es zu lösen. „Wo ein Vakuum ist, wird es gefüllt. Das ist ein Naturgesetz“, so Kurt Schranz. „Wir sind angetreten, eine Klassifikation zu schaffen, die sich an den Bedürfnissen einzelner Branchen orientiert, auch an dem Bedarf an online-Katalogen. Das ist ein ganz anderer Ansatz.“ Bleibt Handel und Industrie damit in Ermangelung der „eierlegenden Wollmilchsau“ letztlich nur die Qual der Wahl zwischen Systemen, die jedes für sich nicht ganz zufriedenstellen können? Oder lassen sich die Schnittstellenprobleme lösen, so dass eine Vernetzung unter den Klassifikationssystemen erfolgen kann? „Das Produkt, zum Beispiel unser Schlauch oder die Armatur von KARASTO, wird stufenübergreifend durchgehandelt. Gerade deshalb brauchen wir tatsächlich durchgängig kompatible Klassifizierungen“, so Gerd Katz. „Und gerade der Technische Handel ist ja mehr als ein reiner Fakturierer von Schläuchen und Armaturen. Durch die anwenderindividuelle Konfektionierung beider Produkte zur Schlauchleitung nimmt er Aufgaben wahr, die wir als Industrie gar nicht leisten können. So sehe ich mit dem vernetzten Nebeneinander der Systeme kein Problem.“ Das ist nicht zuletzt eine Frage der Rolle des Handels in der Prozeßkette.Erster Schritt: der Dialog
Der VTH hat als einer der Gründerväter von proficl@ss eine Richtungsentscheidung getroffen. Dr. Rolf Schäfer: „proficl@ss ist aus unserer Sicht einfach eine durchdachte, praktikable Angelegenheit von Fachleuten für Fachleute, und gerade deshalb sollten die Ergebnisse von proficl@ss bei eCl@ss integriert werden können!“ Wo ein Wille ist, sollte schließlich ein Weg sein. Wobei das Expertengespräch, bei dem beide Seiten erstmals an einem Tisch saßen, schon den ersten Schritt am Beginn der Wegstrecke darstellt. Vom „entweder oder“ zu einem „sowohl als auch“ zu kommen ist dann schon der zweite Schritt. „Und dazu brauchen wir einen Konnektor zwischen unserer und Ihrer EDV“, so Klaus Schluchter. Deutlich wurde, daß an der Anbindung an eCl@ss auf mittlere und lange Sicht kein Weg vorbeiführt. Stellt sich nur die Frage: Wie kommt man dahin? Moderator Louis Schnabl: „Was sagt eCl@ss denn, wenn proficl@ss ankommt und um eine gemeinsame Wegstrecke ersucht?“ Uwe Kaptein: „Wir nennen Ihnen einen Gesprächstermin und laden Sie herzlich ein teilzunehmen. Wir sind ja gerade in unseren Fachgruppen auf die Mitarbeit der Praktiker angewiesen – und diese Mitarbeit ist übrigens von unserer Seite völlig kostenlos. Die reine Vereinsmitgliedschaft kostet Geld, aber das wichtige Engagement in unseren Fachgruppen kostet nur Zeit.“ Damit hat Kurt Schranz kein Problem: „Wir haben ja mehr Gemeinsames als Trennendes. Das hat sich nicht zuletzt bei unserem heutigen Gespräch gezeigt. Deshalb reichen wir gern die Hand und hoffen auf eine Regelung, mit der alle leben können.“Zukunftssicherung des Handels
Dr. Rolf Schäfer resümierte: „Ich bin froh, daß wir dieses Thema aufgegriffen haben. Das Gespräch hat nicht nur Missverständnisse aufgeklärt, sondern auch eine Reihe neuer Perspektiven eröffnet. Vor allem die Perspektive einer Kooperation zwischen unserem Branchenstandard und dem wichtigsten europäischen Industriestandard.“ Schließlich ist die Produktklassifizierung eine unabdingbare Voraussetzung für das erfolgreiche Agieren auf den elektronischen Marktplätzen. Womit auch klar ist: Dieses Thema kommt so schnell noch nicht von der Tagesordnung. Jetzt sind die Vertreter von proficl@ss und eCl@ss konkret mit Umsetzungsvorschlägen gefordert.Statements der Teilnehmer
Moderator Louis Schnabl, Geschäftsführer HS Public Relations GmbH, Düsseldorf
„Insellösungen sind sicher nicht die Zukunft. Internationale Standards alleine auch nicht. Aber wenn die eine Lösung an der anderen andockt, ist langfristig allen Beteiligten in der Prozeßkette geholfen.“
Joachim Stricker, Vorsitzender VTH Verband Technischer Handel e.V. und Geschäftsführer Gummi-Stricker GmbH & Co. KG, Münster
„Wir müssen wissen, woran wir sind. Unsere meist mittelständisch strukturierten Unternehmen können es sich weder finanziell noch personell leisten zu experimentieren.“
Dr. Rolf Schäfer, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied VTH Verband Technischer Handel e.V., Düsseldorf
„Ich bin froh, daß wir das Thema aufgegriffen haben. Das Gespräch hat nicht nur Mißverständnisse aufgeklärt, sondern auch eine Reihe neuer Perspektiven eröffnet. Vor allem die Perspektive einer Kooperation zwischen unserem Branchenstandard und dem wichtigsten europäischen Industriestandard.“
Uwe Kaptein, Vorsitzender eCl@ss e.V., Köln, Institut der deutschen Wirtschaft Köln Consult GmbH
„Wir können doch nicht so tun, als sei der Handel eine einsame Insel im Weltmarkt. Er ist eine Stufe, die von den anderen Stufen nicht abgetrennt werden darf. Eine spezifische Handels- und Branchenlösung hat naturgemäß wie alle Inseln ein Problem mit der ‚Verkehrsanbindung‘.“
Gerd Katz, Prokurist und Verkaufsleiter der PHOENIX FLUID HANDLING INDUSTRY GMBH, Hamburg
„Entscheidende Impulse bekamen wir beim Forum zum Thema eCommerce vor zwei Jahren. Wir haben aufgenommen, was der Technische Handel an Erwartungen an seine Partner hat, wo er Hilfe braucht, und haben es umgesetzt. Aber das ist ein langer Prozeß.“
Kurt Schranz, Vorsitzender proficl@ss International e.V., Köln
„Wir haben ja mehr Gemeinsames als Trennendes. Das hat sich nicht zuletzt bei unserem heutigen Gespräch gezeigt. Deshalb reichen wir gern die Hand und hoffen auf eine Regelung, mit der alle leben können.“
Karl-Heinz Bäuerle, Prokurist und Leiter Vertrieb/Marketing REIFF - Technische Produkte - GmbH, Reutlingen
„Was hilft die Internationalität eines Klassifizierungssystems, wenn der Kunde unsere Produkte damit nicht finden kann?“
Dipl.-Ing. Thomas Einsporn, Leitung eCl[@]ss-Geschäftsstelle e.V. im Institut der deutschen Wirtschaft Köln Consult GmbH, Köln
„Es gibt mit eCl@ss längst ein anerkanntes Klassifikationssystem mit Zukunft, das von der Entwicklung bis zur Verschrottung eines Produkts den gesamten Lebenszyklus erfaßt.“
Dipl.-Ing. (FH) Klaus Schluchter, Geschäftsführender Gesellschafter KARASTO Armaturenfabrik Oehler GmbH, Fellbach
„Unser Bestreben ist es, im eigenen Interesse und dem unserer Partner, in beide Richtungen etwas zu bewegen – wir verkaufen ja nicht nur, wir kaufen auch selbst ein.“
Rüdiger Weber, Geschäftsführender Gesellschafter Mühlberger GmbH, Wiesbaden
„Wir stehen doch erst ganz am Anfang. Aber wir können ja bei einem Teil unserer Industriepartner auf Lieferantenseite schon froh sein, wenn sie in der IT-Entwicklung erst einmal das Stadium des Wollens erreicht haben.“
Dipl.-Informatiker Sven Kuhnen, Prokurist Schloemer GmbH Technischer Großhandel, Recklinghausen
„Für Beschaffung und Einkauf entwickelt, muß sich eCl@ss für weitere Anwendungsbereiche öffnen. Bisherige Strukturen müssen überdacht und innovative Lösungsansätze erarbeitet werden.“

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