VTH-Seminar Grundlagen der Dichtungstechnik: Dichtstoff als Lehrstoff (VTH 918)

 	Ein Querschnitt an Flachdichtungen Was schon zum dritten Mal fast unverändert stattfindet, muß einfach gut sein. Das gilt sicherlich auch für das bewährte Grundlagenseminar der VTH-Fachgruppe Dichtungstechnik. In Eltville im Rheingau trafen sich am 21/22. Februar 2005 24 Nachwuchskräfte und Branchenneulinge aus dem Verkaufs- und Servicebereich des Technischen Handels.

Sie nutzten die Chance, grundsätzliches Wissen über die Materialeigenschaften und die Technik zu erwerben sowie über die verschiedenen Anwendungsbereiche und Einsatzmöglichkeiten ausgewählter Produkte der Dichtungstechnik informiert zu werden. Die Referenten, allesamt erfahrene Mitarbeiter aus dem Technischen Handel, vermittelten dabei nicht nur ihr Fachwissen, sondern suchten auch das Gespräch mit den jungen Kollegen, um ihnen Lösungen für täglich auftretende Probleme in der Kundenberatung aufzuzeigen.
Gummi mit Profil
Den ersten Teil übernahm Heinz Otto (Hannover), Fa. Willbrandt KG, mit seinem Referat über das Thema „Gummimischungen, Profildichtungen und Formteile“. Er schilderte u.a. das Extruder-Produktionsverfahren, also die Beschickung in der gewünschten Mischung und ihre Erhitzung in der Schnecke, wobei das aus dem Mundstück austretende Profil durch die verschiedenen Vulkanisationsverfahren aus dem plastischen in den elastischen Zustand überführt wird, aber auch die unterschiedlichen Spritzverfahren zur Herstellung von Formteilen nach Zeichnung, wie sie in der Serienfertigung z.B. für weiße Ware oder Autoteile benötigt werden.
Platte mit Schnitt
Als zweiter Referent führte Roland Wuttge (Siegen), Fa. iHH Irle & Heuel GmbH, in das Thema „Flachdichtungen“ ein. Bei diesen handelt es sich meist um statische Dichtungen, die z.B. als Flanschdichtungen eingesetzt werden. Außer den Klassikern wie aramidfaserverstärkte Dichtungen kommen je nach Druck, Medium und Temperatur ganz unterschiedliche Werkstoffe und Materialkombinationen zum Einsatz. Die Dienstleistung des Technischen Handels ist neben der fachlichen Beratung vor allem die Herstellung der Dichtung aus der Dichtungsplatte, sei es manuell mit dem Kreisschneider, sei es maschinell mit dem Stanzwerkzeug.
Welle mit O-Ring
Die Wellenabdichtung ist eine der kritischsten Abdichtungen, so Ahmet Kafadaroglu (Berlin), Fa. GuK Technische Gummi und Kunststoffe GmbH, in seinem Vortrag über „Packungen und Wellendichtungen“. Bei einer Kreiselpumpe z.B., bei der der Antriebsmotor außerhalb der Pumpe angeordnet ist, muß die Welle an der Pumpengehäusedurchführung abgedichtet sein, weshalb vor der Gehäuseöffnung ein Stopfbuchsraum angeordnet ist, der den Einbau eines Dichtmittels ermöglicht. Das ist traditionell eine Stopfbuchpackung aus geflochtenen, gekneteten, strangextrudierten oder graphitexpandierten Packungen, in jüngerer Zeit oft auch eine Gleitringdichtung.
Flansch mit Dichtungsbett
Neu im Stundenplan der Grundlagenschulung war der Part von Lothar Bartoszek (Bottrop), Fa. IBK Wiesehahn GmbH. Er behandelte einen Sonderfall des Einbaus von Flanschdichtungen: „Dichtungen im Kraftnebenschluß“. 1984 hatte sein Unternehmen eine neue Dichtung entwickelt, die Kraftnebenschlußdichtung mit H-Profil, die seither mit Erfolg eingesetzt und heute zum IBK-Safe-H-® Dichtungssystem weiterentwickelt wurde. Das Konzept „Kraftnebenschluß“ basiert auf der Trennung der Funktionen Stützen und Dichten. Das heißt: Das Dichtmaterial wird nur für das Dichten herangezogen – die Momente und Kräfte werden über das Hartmaterial weitergeleitet. Vorteil: Ein Überpressen des Dichtmaterials ist grundsätzlich ausgeschlossen.
Dichten mit Klebefunktion
Eine ganz andere Art der Dichtung ist zugleich uralt und hochmodern: das Abdichten mit spritzbaren Dichtstoffen, die erst im Augenblick der Applikation ihre Form gewinnen. Torsten Fischer (Bremen), Fa. Hillmann & Geitz GmbH & Co. KG, erläuterte in seinem Vortrag über „Chemotechnische Dichtungen“, daß Kleb- und Dichtstoffe sich in ihrer Funktion und Wirkung häufig überschneiden, weshalb Grundbegriffe aus der Welt des Klebens wie Adhäsion und Kohäsion auch hier zum Basiswissen gehören. Auch spielen in diesem Fall Materialeigenschaften und Oberflächenbeschaffenheit der Fügeteile im Blick auf Verträglichkeit und Haftung eine zentrale Rolle in der Beratung.
Dichtung mit System
Funktion und Betriebssicherheit hydraulisch bewegter Maschinenteile hängen wesentlich von den im Hydraulikzylinder eingesetzten Dichtungen ab. Diese „Hydraulikdichtungen“ waren das Thema von Wolfgang Vernickel (Feldkirchen bei München), Fa. SAHLBERG GmbH & Co. KG, der einführend die Elemente des Dichtsystems erläuterte: Stangendichtungen, die das Austreten von Flüssigkeiten in die Umwelt verhindern, die Kolbendichtungen, die das Überströmen von Hochdruck- in den Niederdruckraum verhindern, außerdem Abstreifer zum Schutz vor eintretenden Fremdstoffen und Führungselemente, die äußere Querkräfte auf die Stange im Zylinder abstützen.
„Gummi on demand“
Abschluß und Höhepunkt der Grundlagenschulung war eine Exkursion in die Praxis der Gummiherstellung. Beim Werksbesuch bei der „Förster Elastomertechnik“ am gleichen Ort konnten sich die Schulungsteilnehmer aus erster Hand über die Herstellung von Profilen und Formteilen informieren. Nach der Begrüßung durch die Firmenchefin Renate Wehnert-Haas führten Verkaufsleiter Wolfgang Berg und seine Kollegin Annette Resny die Teilnehmer durch die Produktion, die tatsächlich darauf angelegt ist, auf Kundenanforderung schnell und paßgenau zu reagieren.
Dichtungsanfänger, die über die Grundlagenschulung und die Beratungspraxis zu Dichtungsfortgeschrittenen geworden sind, können sich bei der nächsten Schulung der Fachgruppe Dichtungstechnik fortbilden. In Fulda wird im Herbst ein weiteres Fortgeschrittenen-Seminar zum Thema „Zulassungen – Werkzeugnisse – Prüfverfahren“ angeboten. HS

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