Schlauchleitungen: Gefahr im Verzug Sicherheitsprofis schützen Menschenleben (VTH 915)

Tankwagenbeladung Nachtschicht in der Produktion eines Chemiebetriebs: Wegen eines Montagefehlers löst sich der Säureschlauch von der Armatur, und die aggressive Flüssigkeit spritzt mit einem Überdruck von 10 bar auf den Arbeiter, der die Maschinenstraße überwacht. Kurz darauf muß der Chef einer Frau erklären, warum ihr Mann schwer verletzt im Krankenhaus liegt – und er muß die Verantwortung dafür übernehmen.

Ein Unglück zu viel. Aber zum Glück ein Einzelfall. Daß in Verbindung mit Schlauchleitungen vergleichsweise wenige Unfälle passieren, ist allerdings nicht nur Glück, sondern Folge der jahrelangen Aufklärungsarbeit der Berufsgenossenschaften und der Sicherheitsbeauftragten in den Betrieben. Hinzu kommen verantwortungsbewußte Einkäufer, die sich für spezielle, sachkundige Fachhändler entscheiden, welche Markenschläuche und Qualitätsarmaturen zu anwendungsgerechten Schlauchleitungen, die der Betriebssicherheitsverordnung entsprechen, konfektionieren. Betriebsunfälle mit Schläuchen ein Einzelfall? Das könnte sich ändern. Experten warnen vor einer Aushöhlung des Sicherheitsdenkens.
„Der immense Kostendruck in der Industrie, der harte Wettbewerb mit ausländischen Anbietern und der enorme Personalabbau in Industrie und Handwerk führen dazu, daß die Schulung der Mitarbeiter vernachlässigt wird und oft nicht die besten und sichersten Produkte und Dienstleistungen, sondern die billigsten gewählt werden“, stellt Dipl.-Ing. Roland Nowaczyk, Referat Chemieanlagen/Verfahren bei der BG Chemie, Hauptverwaltung Heidelberg, fest. „Noch schlimmer ist, daß Käufer und Verkäufer das nicht einmal merken, weil ihnen einfach die nötige Sachkenntnis fehlt.“ Aber wo soll die auch herkommen bei Anbietern, deren hervorstechendes „Qualitätsmerkmal“ der niedrige Preis ist?
Fortbildung rettet Menschenleben
Die nötige Sachkenntnis ist normalerweise Ergebnis der warenkundlichen Ausbildung, wie sie z.B. im Technischen Handel praktiziert wird, der Großhandelsbranche, die Mittler ist zwischen den Herstellern von Schläuchen und Armaturen auf der einen Seite und den Anwendern von Schlauchleitungen auf der anderen Seite, von Anlagenbauern über die chemische Industrie bis zu Speditionen. Der Technische Handel beschafft und lagert hochwertige Schläuche und Armaturen und stellt aus beiden individuelle und bedarfsgerechte Schlauchleitungen her, die allen gesetzlichen und technischen Anforderungen genügen. „60 bis 80 % unserer Tätigkeit ist aber die reine Fachberatung“, so die Erfahrung von Christian Salge, Geschäftsführer der Technischen Großhandlung Induflex (Norderstedt). „Und für diese qualifizierte Fachberatung ist selbst das branchenübliche hohe Ausbildungsniveau nicht immer ausreichend.“
Zusammen mit Kollegenfirmen aus dem VTH Verband Technischer Handel e.V. ist Salge Mitglied der VTH-Fachgruppe „Schlauch- und Armaturentechnik“ (SAT), des führenden Kompetenznetzwerks auf diesem Sektor, und leitet dort den Arbeitskreis „Aus- und Weiterbildung“. Dieser hat vor zwei Jahren ein Schulungskonzept erarbeitet und die BG Chemie als Partner gewonnen. Nowaczyk: „Daß der Technische Handel die Initiative ergriffen hat und auf uns zugekommen ist, können wir von der BG nur begrüßen. Außer ihm sehe ich im Augenblick niemanden, der qualifiziert beraten kann, weil er die rechtlichen Voraussetzungen und alle Normen kennt, und der zugleich die Verantwortung für die Herstellung der Schlauchleitungen übernehmen könnte.“
VTH und BG Chemie haben 2004 zum ersten Mal ihren insgesamt zweiwöchigen Intensivlehrgang durchgeführt, der mit einer Prüfung abgeschlossen wird. Wer diese besteht, erhält das Zertifikat „Geprüfter Fachberater für Schlauch- und Armaturentechnik“.
Die Alternative zum Schutzengel
Man kann sich natürlich auch auf seinen Schutzengel verlassen. Aber die Berufung auf ihn macht sich im Unfallbericht an die BG schlecht, wenn es dann doch nicht geklappt hat. Mit dem „Geprüften Fachberater für SAT“ haben Einkäufer, Sicherheitsbeauftragte oder auch Geschäftsführer eines Industrieunternehmens einen Gesprächspartner, mit dem sie auf der sicheren Seite stehen, weil er seine Aufgabe darin sieht, für den Kunden eine unter Sicherheitsaspekten verantwortliche, technisch einwandfreie und wirtschaftliche Lösung zu erarbeiten. Er wird keine Empfehlung geben, bevor er nicht die Betriebsbedingungen kennt und weiß, an welcher Stelle die Schlauchleitung eingesetzt wird, welche Drücke und welche Temperaturen sie aushalten muß, welche Stoffe durch den Schlauch geleitet werden. „Oft ist es ja so“, so Nowaczyk, „daß schon die Ausschreibung des Anlagenplaners fehlerhaft ist.“ Dann ist es gut, wenn der Fachberater dank seiner Ausbildung sofort erkennt, daß z.B. die Verbindung eines Dampfschlauchs mit einer Schnellkupplung ein tödliches Risiko darstellt, wenn kein automatisches Schließventil vorhanden ist.
Geprüfter Fachberater als entscheidendes Bindeglied
„Wenn man einmal von der billigen Importware absieht, ist das Problem normalerweise nicht die mangelnde Qualität des einzelnen Industrieprodukts“ so Nowaczyk. „Schläuche oder Armaturen sind in Deutschland traditionell eher hochwertiger und bieten Sicherheit weit über die Normanforderungen hinaus. Im Silobereich z.B. würde eher der Druckbehälter platzen als die Schlauchleitung. Das Problem beginnt bei der Frage, welche Produkte in welcher Kombination wo eingesetzt werden können. Und da ist der gründlich ausgebildete und zertifizierte Fachberater als Anlaufstelle erste Wahl.“ In der (Groß-)Industrie ist das Sicherheitsniveau dank der guten Umsetzung der gesetzlichen Regelungen nach wie vor relativ hoch – und hier weiß man, was man an den Sicherheitsprofis aus dem Technischen Handel hat. Nowaczyk: „Aber im Bereich des Speditionswesens und der kleinen, gerade auch der neugegründeten Handwerksbetriebe gibt es Defizite.“ Hier kommt dem Geprüften Fachberater eine Schlüsselrolle zu. Er kann auf der Grundlage einer vorliegenden Gefährdungsbeurteilung eine geeignete Auswahl der in einem Betrieb erforderlichen Schlauchleitungen und ihrer Einzelkomponenten treffen. Er kennt die Rechtsgrundlagen, ob Betriebssicherheitsverordnung, das BG-Merkblatt T 002 oder die einschlägigen Normen und kennt die Druckgeräterichtlinie.
Der Preis der Sicherheit
Know-how hat natürlich seinen Preis, und der kann durchaus auch höher liegen als bei Importprodukten zweifelhafter Herkunft. „Sicherheit gibt es nun einmal nicht geschenkt“, so Nowaczyk, „Sicherheit muß man kaufen.“ Aber der Volksmund hat einmal mehr recht, wenn er feststellt: Heilen ist teurer als Vorsorgen. HS

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