Experten im Gespräch: Sichere Produktion: Mensch – Umwelt – Maschine (VTH 1455)

 Runde „Sicher produzieren“ – das wurde lange Zeit nur unter dem Aspekt der sicheren Produktionsprozesse im engeren Sinne gesehen. Dass sichere Produktion neben dem Aspekt Maschinensicherheit auch die Aspekte Umweltsicherheit und Mitarbeitersicherheit umfasst, gilt heute in Deutschland als Gemeingut – eine Folge des wachsenden Umweltbewusstseins und einer immer weiter verschärften Gesetzeslage. In der öffentlichen Bewertung wie im Blick auf die Kosten sind Mensch und Umwelt indes längst der dominante Faktor am Produktionsstandort Deutschland. Nicht aber im globalen Wirtschaftsraum. Können wir uns das leisten? Oder müssen wir uns das leisten? Fragen, die Vertreter aus Wissenschaft, Technischem Handel, Industrie und Fachverbänden beim jährlichen „Expertengespräch am runden Tisch“ in Düsseldorf im Blick auf Trends, Potenziale, Meinungen und Lösungen diskutierten.

Experten im Gespräch - ihr Thema: „Sicher produzieren – Standort Deutschland im Würgegriff der Umwelt-Lobby? Oder Vorreiter für weltweite Konzepte und Zukunftstechnologien?“ Ihre Botschaft: Zur Sicherheit gibt es faktisch keine Alternative. Eine Alternative gibt es nur im Umgang mit dem Thema: Beklagen wir nur die zusätzlichen Lasten? Oder nutzen wir auch die zusätzlichen Chancen? Deutschland ist das Land der Ideen, sagt die Bundesregierung. Deutschland ist ein Land der Verordnungen und Auflagen, sagen die Regierten. Vor allem die in der Industrie. Gesetzesauflagen wie die erneut verschärfte TA Luft, Teil des Bundesimmissionsschutzgesetzes, mit einem Schwerpunkt in der chemischen Industrie, drohen im Extremfall sogar bei Nichteinhaltung mit der Stilllegung. Sind solche Auflagen das „Aus“ oder auf Dauer in Wirklichkeit entscheidender Wettbewerbsvorteil für einen modernen Produktionsstandort Deutschland?

Standortvorteil Umweltbewusstsein

VTH-Hauptgeschäftsführer Dipl.-Volkswirt Thomas Vierhaus sieht in der Orientierung auf Umweltaspekte eher einen Standortvorteil: „Denn er zwingt zur Innovation, die mangels ausreichender Bodenschätze unsere einzige Chance im weltweiten Wettbewerb ist, und führt zu einem Technologievorsprung, der über das eigentlich Umweltthema hinausgreift.“ Schließlich heißt „umweltgerecht produzieren“ vor allem, nachhaltig zu produzieren. Nicht nur im Blick auf den Lebensraum, in dem eine Produktion ihren Standort hat, sondern auch im Blick auf die Mitarbeiter in der Produktion und die Anlagen im Prozess.

Von Investitions- und Betriebskosten

Freilich drängt sich die Frage auf, inwieweit dieses Bewusstsein der Trias „Mensch & Umwelt & Maschine“ von den Rednern an den Pulten tatsächlich bis zu den Monteuren in der Fabrikhalle reicht. Wer trägt denn auf welchen Ebenen eigentlich dieses Bewusstsein? Welche Wertigkeit hat diese „Betriebssicherheit“ in den Unternehmen? Steht der Einkauf gegen die Sicherheits- und Umweltbeauftragten? Und wer setzt sich am Ende durch? Die Fragestellung impliziert bereits die Antwort. Wo der Blick nicht über den Rand des eigenen Schreibtischs hinausreicht, hat die ganzheitliche Sicht auf Prozesse wenig Chancen. „Das große Problem ist die Segmentierung der Gesamtprozesse und der Gesamtkosten in isolierte Teile und die Fokussierung der Prozessbeteiligten auf ihre Partikularinteressen“, so Dipl.-Ing. Roland Nowaczyk von der BG Chemie. Wo der Einkauf nur den Einkaufspreis im Blick hat, aber nicht den Wert, entsteht ein schiefes Bild. Wo ein Billigprodukt zum Einsatz kommt, werden Störungen und damit Folgekosten billigend in Kauf genommen. Andererseits: Wo der Bedarfsträger, der Betriebs- oder Sicherheitsingenieur nicht den Dialog mit dem Einkauf sucht und ihm keine Entscheidungskriterien über den Preis hinaus an die Hand gibt, wo er vielleicht sogar das minderwertige Produkt akzeptiert, trägt auch er Verantwortung. Und wo man sich nicht über die aktuelle Gesetzeslage orientiert, sind alle Beteiligten in der Haftung.

TA Luft – und die Praxis?

Beispiel: die sogenannte „neue“ TA Luft. Die Verschärfung dieser Richtlinie trat 2002 in Kraft. Am 31. Oktober 2007 lief schließlich die Schonfrist für Altanlagen ab. Insofern müsste die Umrüstung bei der Industrie längst erledigt sein. Dabei scheint die Diskussion um die Umsetzung der TA Luft in der Fachpresse und in den einschlägigen Gremien der Industrie gerade erst angelaufen zu sein. Es sieht so aus, als sei das Bewusstsein dafür, dass insbesondere in der Instandhaltung, bei Reparatur und Erneuerung von Altanlagen verbindlich etwas zu tun ist, noch nicht flächendeckend ausgeprägt. Braucht die Industrie hier besondere Leistungspartner für diese Umrüstung? Ganz unabhängig von der Frage, wer hier die Verantwortung trägt, ist klar, dass derjenige die Initiative ergreifen muss, der das Problem früher erkennt als andere – und der ihm besser als andere abhelfen kann.

Auf die Montage kommt es an

Das ist nicht immer, aber häufig der Technische Handel, der als „Instandhaltungs-Dienstleister“ der Industrie ohnehin schon Service-Partner vor Ort, Feuerwehr und Innovationsträger in „einer Person“ ist. Er ist derjenige, der für die Umsetzung der TA-Luft zum Beispiel die TA Luft-konformen Armaturen, Dichtungen oder Filter im Sortiment hat, dessen „Geprüfte Fachberater“ aber auch die Wahl der richtigen Produkte sachkundig beraten. Die mangelhafte Umsetzung der TA Luft in der Praxis wirft freilich die Frage auf, wo erstens der Knackpunkt ist, und zweitens, mit welchen speziellen Dienstleistungen der Technische Handel als der „Instandhaltungs-Spezialist TA Luft“ ggf. punkten kann. Die Analyse zeigt, dass die Umsetzung dieser Verordnung häufig kurz vor der Montage stockt. Oder aber dass die Montage nicht sachgemäß ausgeführt ist. Das hat natürlich seine Gründe: Die systematische Ausgliederung qualifizierter Mitarbeiter im Werkstatt- und Instandhaltungsbereich hat zu einem Vakuum geführt. Das hat natürlich auch seine Folgen. Eine davon, dass der Technische Handel über seine angestammte Funktion in der Distribution technischen Ersatzbedarfs hinaus auch als Dienstleister in den nachfolgenden Segmenten der Prozesskette gefragt ist, sei es in der Schulung der Monteure oder ihrer unmittelbaren Vorgesetzten, sei es durch direkte Montagedienstleistungen.

Umweltgerechte Produktion

Die Erfahrung mit der TA Luft lässt sich natürlich auch auf andere vergleichbare Auflagen zur umweltgerechten Produktion übertragen. Und die Schlüsse daraus für die Ausrichtung des Technischen Handels ebenfalls. Denn es muss in der Tat die Frage gestellt werden, ob die Industrie überhaupt noch in der Lage ist, diese ganzen Umweltthemen und Auflagen zu bewältigen – von lebensmitteltauglichen Schmierstoffen, nach Hygienic-Design-Vorschriften zertifizierten Maschinenkomponenten bis hin zum umweltverträglichen Klebstoff ohne Lösemittel – und trotzdem High-Tech-Produkte herzustellen? Für Großunternehmen mit eigenen Stäben für Umwelt- und Sicherheitsfragen mag das kein Thema sein, für die Vielzahl kleiner und mittelständischer Betroffener durchaus. Klein und mittelständisch ist freilich auch die Mehrzahl der Technischen Händler. Ist der Technische Handel denn in seiner jetzigen Form überhaupt in der Lage, hier Versorgungssicherheit zu gewährleisten? Know-how inklusive? Braucht die Industrie hier den Spezialisten oder den Vollsortimenter? Im Regelfall ist der Technische Handel gerade dadurch, dass er in die Lücken vorgestoßen ist, die die Verschlankung in der Industrie hinterließ, und zum Teil insourcte, was jene outsourcten, personell durchaus in der Lage, Beschaffungs- und Kompetenzpartner seiner Kunden zu werden. Um so mehr, als die Entwicklung jener Unternehmen, die nicht nur Vergangenheit hatten, sondern auch Gegenwart, und die jetzt so aufgestellt sind, dass sie auch Zukunft haben, die alte Zweiteilung in Spezialisten und Generalisten überholt hat. Wer nur Waren verteilte, hat seine Zukunft meist schon hinter sich. Wer sich in der Sortimentsausrichtung und dem Ausbau des Portfolios um immer weitere Dienstleistungen an den Bedürfnissen seiner Kunden orientierte, hat häufig ein „Vollsortiment“ (das aber bei jedem Händler anders aussieht), um Verfügbarkeit aus einer Hand sicherzustellen. Aber auch spezielle Schwerpunktsortimente, die ihn in Verbindung mit Dienstleistungen von der Beratung bis ggf. zur Montage in die Lage setzen, über schmale Teilsegmente der Prozesskette hinaus breite Abschnitte zu bedienen. Und das durchaus nicht nur mit Fokus auf den Menschen oder die Umwelt oder die Maschine. Sondern mit jener ganzheitlichen Sicht, die der Industrie den Rücken frei hält, den Anspruch „Zukunftsstandort Deutschland“ zu erfüllen.


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