Schutz vor Chemikalien: PVC-Handschuhe häufig ungeeignet (VTH 223)

 Bei vielen Arbeitsunfällen hat ein PVC-Schutzhandschuh versagt. Dies ist besonders schlimm, da mit dem Chemikalienkontakt häufig ernste oder irreversible Gesundheitsschäden oder sogar tödliche Gefahren verbunden sind. Die Schädigungen der Haut bzw. des Körpers sind nicht in allen Fällen zu erkennen; manchmal merkt der Betroffene dies erst nach vielen Jahren. Dann ist es jedoch zu spät. Deshalb ist das Tragen von leistungsfähigen Chemikalienschutzhandschuhen ein Muß.

Welche Anforderungen ein solches Produkt erfüllen muß, soll im folgenden aufgezeigt werden.
Die Kosten für einen Arbeitsunfall bzw. bei Berufsunfähigkeit des Mitarbeiters sind immens. In Sachen Schutzhandschuhe sollte deshalb umgedacht werden. Häufig werden aus Gewohnheit PVC-Schutzhandschuhe zum Schutz vor Chemikalien benutzt. Viele Importeure deklarieren diese Handschuhe sogar als Chemikalienschutzhandschuhe – ein Irrtum, der gefährlich sein kann.
Norm EN374 Teil 1 bis 3
Um die Leistungsfähigkeit eines Chemikalienschutzhandschuhs beurteilen zu können ist es wichtig zu wissen, welche Anforderungen an einen zeitgemäßen und wirksamen Chemikalienschutzhandschuh gestellt werden. Zunächst gibt die Norm EN374 mit den Teilen 1 bis 3 die grundlegenden Anforderungen wieder.
Permeation
Der Ausdruck Permeation bezeichnet die molekulare Durchdringung des Schutzhandschuh-Materials. Die Absorption an der Oberfläche versteht sich als Lösen einer Chemikalie im Polymer. Um das Schutzmaterial zu durchdringen, muß sich ein Diffusionsprozeß anschließen, der unter anderem von der Schichtstärke abhängt. Schließlich muß die Chemikalie, um mit der Haut in Kontakt treten zu können, auf der Handschuhinnenseite wieder desorbiert werden. Eine Durchdringung wird nicht immer vom Handschuhträger bemerkt, da sich die Chemikalie mit dem Schweiß vermischt. Die Zeit, die eine Chemikalie zum Durchdringen eines Schutzhandschuhs benötigt wird, ergibt den Schutzlevel. In der Norm sind die Zeiten festgelegt, wann welcher Level erreicht ist.
Permeationslevel
Klasse 1 > 10 Minuten
Klasse 2 > 30 Minuten
Klasse 3 > 60 Minuten
Klasse 4 > 120 Minuten
Klasse 5 > 240 Minuten
Klasse 6 > 480 Minuten
Penetration
Penetration ist die makroskopische Durchdringung von Luft oder Wasser. Wenn sich im Wasserbad bereits Luftblasen bilden, kann der Schutzhandschuh nicht als Chemikalienschutzhandschuh gelten. Nach der Norm wird unterschieden mit welchen AQL (Annehmbare Qualitätsgrenzlage) die Produktionscharge kontrolliert wird.
Penetrationslevel
Klasse 1 AQL 4,00
Klasse 2 AQL 1,50
Klasse 3 AQL 0,65
Quellung
Die Quellung kann sowohl als Volumen als auch als Gewichtsänderung angegeben werden, wobei die Angabe der prozentualen Volumenänderung unter Gebrauchsaspekten am aussagekräftigsten ist. Werkstoffe mit Quellungen oberhalb 15 % werden als unbeständig, unterhalb 7% als beständig klassifiziert.
Die letztgenannte Prüfung ist derzeit noch nicht Bestandteil der EN374, jedoch zur Beurteilung der Schutzfähigkeit eines Chemikalienschutzhandschuhs unbedingt erforderlich. Die Quellung sollte deshalb bei allen Beständigkeitsprüfungen und den daraus folgenden Empfehlungen mit einbezogen werden. Neben den Anforderungen aus der Norm müssen weitere wichtige Punkte beachtet werden. Dies gilt insbesondere bei der Auswahl des richtigen Werkstoffes.
Eigenschaften von PVC
Beim Material PVC handelt es sich um einen Thermoplast und um ein Elastomer. Das heißt, Vinylchlorid wurde polymerisiert, nicht aber gummiartig vernetzt. Damit sind der Chemikalienbeständigkeit klare Grenzen gesetzt. Vom Material her ist PVC beständig gegen Säuren und Laugen. PVC-Handschuhe in der Praxis lassen diesen Schluß aber nicht ohne weiteres zu.
PVC wird unterteilt in Hart- und Weich-PVC. Am häufigsten findet der Hart-PVC Verwendung. Mittels Zugabe von Weichmachern kann PVC auch als Schutzhandschuh verwendet werden (Weich-PVC). Die Art und Menge eines Weichmachers ist von Hersteller zu Hersteller verschieden. In einem PVC-Handschuh liegt der Anteil an Weichmachern zwischen 15 und 50%. Je mehr Weichmacher beigefügt werden, desto flexibler wird der Handschuh. Und genau hier liegt die größte Gefahr beim Einsatz eines PVC-Handschuhs.
Grenzen des Werkstoffes PVC
Um für die Handschuhherstellung das erforderliche Weich-PVC zu erhalten, sind große Mengen an Weichmachern notwendig. Diese vermindern jedoch beträchtlich die chemische Beständigkeit. Weichmacher erleichtern die Diffusion von Chemikalien durch das Material. Zudem werden sie von Lösungsmitteln extrahiert. Dies führt zu einer Versprödung und Verhärtung des Werkstoffes.
Eine weitere Schwachstelle ist der Grad der Gelierung des Materials. PVC wird nicht vulkanisiert, sondern geliert. Ist dieser Herstellungsprozeß nicht optimal eingestellt, verliert der Handschuh seine mechanischen und chemischen Schutzeigenschaften. Bei einem Einsatz als mechanischem Schutz kann dies der Anwender durchaus im angemessenen Rahmen feststellen und die Handschuhe austauschen. Chemikalien können jedoch in die Haut eindringen, ohne daß dies sofort zu spüren ist. Bestimmte Weichmacher lösen bei Handschuhträgern Hautreizungen aus; diese Stoffe sind meistens in den Billig-PVC-Handschuhen zu finden. Um einem PVC-Handschuh eine gewisse Rauhung zu geben, werden sie nach dem Gelierungsvorgang noch kurz in Lösemittel eingetaucht. Ein Widerspruch in sich, denn das Lösemittel kann die Weichmacher im PVC auflösen. Dadurch verhärtet der Handschuh.
Schwankungen bei der Beständigkeit
Ungeachtet der obengenannten Punkte muß ein Chemikalienschutzhandschuh eine immer gleichbleibende Schichtstärke an allen Stellen des Schutzhandschuhs aufweisen. PVC-Handschuhe weisen in der Regel keine gleichbleibende Schichtstärke auf. Dem Anwender eines PVC-Handschuhs fällt dies nicht sofort auf, aber die Permeationsrate nimmt im Quadrat der Schichtdicke ab. Somit sind starke Schwankungen bei der Beständigkeit programmiert.
Daraus folgt: Hersteller von PVC-Handschuhen, die als Chemikalienschutzhandschuhe eingesetzt werden, müssen die Punkte
- kontrollierte Menge an Weichmacher
- optimale Ausgelierung
- Dichtigkeitsprüfung
zwingend erfüllen. Dies bedingt eine Qualitätsfertigung nach ISO9000ff. PVC-Handschuhhersteller verfügen jedoch nicht immer über eine solche Qualitätssicherung.
Die gebräuchlichsten Werkstoffe, die zur Herstellung von Chemikalienschutzhandschuhen eingesetzt werden, sind Chloropren, Nitril, Butyl, Naturlatex und Fluorkautschuk. Jeder Werkstoff deckt einen bestimmten Teil der Chemikalienbreite ab. Häufig jedoch werden noch immer PVC-Handschuhe eingesetzt, meist aus Unkenntnis des Anwenders oder aber durch Desinformation des Herstellers.
Kennzeichnung eines Chemikalienschutzhandschuhs
Ein Chemikalienschutzhandschuh muß nach EN420 (Grundnorm, gilt für alle Schutzhandschuhe) definierte Mindestangaben auf dem Handschuh aufweisen. Angaben auf der Verpackung selbst reichen nicht aus. Dies ist nachvollziehbar, wird doch häufig die Verpackung sofort weggeworfen. Dann aber ist der Einsatzzweck und die Leistungsfähigkeit des Handschuhs nicht mehr ersichtlich. Eine Gebrauchsinformation reicht aber noch nicht aus. Wichtig sind auch die zum Schutzhandschuh dazugehörigen Dokumentationen. Dies sind Baumusterprüfbescheinigung, Konformitätserklärung und die ISO9000 ff. Urkunde.
Kennzeichnung nach EN420
* CE-Zeichen
* Kennummer der Prüfstelle
* Artikel-Nummer
* Größe
* Artikel
* Piktogramm (Angabe der EN) mit Levelangabe
* Anschrift des Herstellers
Um den richtigen Schutzhandschuh für den jeweiligen Arbeitsplatz zu finden, sollte jeder einzelne Arbeitsplatz analysiert werden. Es genügt nicht, eine theoretische Einsatzempfehlung abzugeben. Vielmehr ist es notwendig, vor Ort eine Risiko-Gefahren-Analyse durchzuführen. Durch Laborprüfungen sollte dann festgestellt werden, welches Material (Chloropren, Nitril, Butyl, Naturlatex, Fluorkautschuk) den höchstmöglichen Schutz bietet. Empfehlungen sollten grundsätzlich – entsprechend Richtlinie 89/686/EWG – Artikel und Hersteller in Verbindung mit der betreffenden Chemikalie identifizieren.
Erst dieser Weg gibt dem Unternehmen und den einzelnen Mitarbeitern die Sicherheit, daß der richtige Handschuh eingesetzt wird und somit ein effektiver Schutz gegen Arbeitsunfälle gewährleistet ist.

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